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Sie hat ihr Handy zu Hause vergessen...

 

Als es der Frau unterwegs auffiel, war es schon zu spät, umzukehren. Und als ihre Besprechung vorbei war, die länger als gedacht gedauert hatte, konnte sie nicht nach Hause, um ihren ständigen elektronischen Begleiter zu holen, weil schon der nächste Termin lauerte. Und als sie im überfüllten Wartezimmer saß und lauter geneigte Köpfe über kleinen blauen Displays sah, fühlte sie sich einsam, ausgeschlossen. Sie blätterte nur halb-interessiert in einer Illustrierten. Klick, tipp, tipp, klack um sie herum.  Als ihr dann eine Stunde lang knallgelbe heilsame Flüssigkeit in die Venen tropfte, saß sie da und schaute auf die leere Wand. 

Sie besann sich plötzlich auf sich.

Sie schloss die Augen, die Lider sprangen aber hartnäckig immer wieder auf,  wo ist die Ablenkung, was ist zu lesen, was ist zu erledigen? flatterten sie ihr durch den Kopf.

Ihr Bauch hob und senkte sich auf natürliche Weise und sie bemerkte das auf einmal. 

Sie begann bewusst zu atmen.

Und dachte nicht mehr die ganze Zeit an ihr kleines Gerät, und dass sie den Weg nach Hause nun müsse ohne Kamera machen, die sie bei jeder Gelegenheit gerne zückte, da die Motive immerzu sie entdeckten. Genau so, nicht umgekehrt.

Wie sie da so saß, verlangsamte sie sich.

Und dann trat sie befreit von Nadel und Tropf auf die Straße.

 

 

Sie beginnt zu schauen.

Die Hand zuckt immer seltener in ihre Tasche. Sie beginnt Vergnügen dabei zu empfinden, dass die Dinge nur für sie so schön, auffällig, neu, geschmückt, bunt, kaputt sind. Einzig für sie, ohne Möglichkeit, ein Abbild davon in die Welt hinaus zu senden, posten, teilen. Und ihr wird klar, dass das ja wahrhaftig so ist, allein sie, die Frau, sieht die Dinge, die sonst Motive wären, auf diese Weise. Kein anderer Mensch kann sie auf ihre Weise sehen. Jetzt. Heute. Und überhaupt. Das macht sie leicht euphorisch.

Sie nimmt sich auf neue Weise die Welt.

Ein Mann lässt riesige Seifenblasen über den Fluss schweben,  ein Brunnen wird mit Tannengrün und bunten Kugeln bedeckt und darüber hinweg getröstet, dass er den Winter über schweigen muss, 

der Engel an einer Hausfassade schaut heute besonders kühn.

Sie sieht in Ruhe zwei Touristenpaaren zu, die sich über ihre je zwei überzüchteten und aneinander gar nicht interessierten Möpse unterhalten. Eine elegante alte Dame kommt ihr entgegen, im Haar einen Reif voller kleiner blinkender Schlitten. Die vernebelte Sonne und ein paar Regenbogenschlieren hinter dem Gärtnerplatz-Theater stoppen den Gang der Frau und sie schaut. Lange. Ihre Hand zuckt längst nicht mehr Richtung Tasche. 

Als sie die Wohnungstüre aufschließt

bemerkt sie, dass ihr Atem ruhiger als sonst fließt, dass ihr Kopf freier ist. Sie geht ins Bad, wäscht sich die Hände und sieht im Spiegel, dass ihre Augen viel größer sind als sonst. Sie haben das Schauen und das Staunen wieder gelernt. Ich werde mein Handy ab nun öfter zu Hause vergessen, will sie sich soeben sagen, als es neben ihr auf dem Regal brummt. 

Sie reißt das Gerät blitzschnell an sich.

Sie stürzt in die Küche, schnappt sich die Chipstüte, scrollt schon im Gehen durch unzählige Nachrichten und Clips auf Plattformen aller Arten, wirft sich auf ihr Sofa, liest, tippt, sendet, liked, isst, vergisst zu atmen, tippt, sendet, scrollt, vergisst die Zeit, vergisst sich selbst, und kann auch später nicht sehen, dass ihre Augen wieder schmal und klein geworden sind. 

 

(c)Krista Posch

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